Roxy - Ein Leben in Dunkelheit | A life in darkness

"Im Kino gewesen. Geweint."Franz Kafka

"Ein letzter Zug, Roxy bläst den Rauch laut nach oben und drückt die Zigarette im Aschenbecher aus. Er quillt schon wieder über; ich könnte ihn noch eben ausleeren, denkt sie. Aber sie ist spät dran und in einer Stunde kommen die ersten Gäste ins Kino..."


Textauszug aus dem Buch: Ralf Döring

Roxy ist ein traditioneller Name für ein Kino, kann aber auch die Abkürzung für den weiblichen Vornamen Roxanne sein. Die Fotografin Kerstin Hehmann fotografierte Filmemacher, Kollegen und Freunde im Kino während der Filmvorführungen. Schon nach kurzer Zeit vergaßen diese fotografiert zu werden, da sie vom jeweiligen Kinofilm in Bann gezogen wurden.

 

Es entstanden Portraits von großer Präsenz, Konzentration und Intensität. Die Gleichzeitigkeit von individueller Berührung durch das Filmgeschehen und Gemeinsamkeit mit anderen Menschen im Kinosaal widerspiegelt sich in den Gesichtern der Portraitierten.


Das Buch ist aufgebaut, wie ein Film. Es gibt einen Vorspann "was bisher geschah" und einen Abspann inklusivem fiktiven Filmproduktions-Logo. Beim Blättern im Buch fallen schwarze Seiten, die mit Lackschrift bedruckt sind auf. Sie dienen als eine Tonebene.

Auszug aus einer Serie von 30 Fotos.

"Went to the movies. Cried." Franz Kafka

"One last puff, Roxy blows smoke out loudly and upwards, pushing the cigarette in to the ashtray. Swelling over again; I could empty it, she thinks. But it is late, and in an hour the first guests will arrive in the cinema. She puts her jacket on and takes the umbrella, with a little luck she`ll take it back home tonight. It`s drizzling, and it`s cold too: during the festival the city reveals its inhospitable side again. As if it doesn`t want to have any guests."

 

Extract from the book: Ralf Döring

Roxy is a traditional name for a cinema but it can also be the short version of the female name Roxanne. The book purposely leaves room for both interpretations. Kerstin Hehmann asked filmmakers, colleagues and friends to let themselves be photographed in the cinema. She soon noticed that her subjects quickly forgot about her presence as they became entranced by the film. The events in the film are reflected on the faces of the viewers. The lighting atmosphere from the film reverberates in the room. Fiction and reality can merge.
The book itself is structured like a film. There is a prologue "previously on…" and an epilogue of credits, including a fictive production company logo. Leafing through the book, black pages with raised, varnished writing can be found, which function as the sound. 

Selection from more than 30 photographs.



Ausstellungsansichten | Exhibitionviews

Ausstellungsansicht 2018. "BIOS 4", Kunstraum hase29, Osnabrück
Ausstellungsansicht 2018. "BIOS 4", Kunstraum hase29, Osnabrück
Ausstellungsansicht 2018 "Blickwechsel", xponart galerie, Hamburg
Ausstellungsansicht 2018 "Blickwechsel", xponart galerie, Hamburg
Ausstellungsansicht 2018 "Blickwechsel", xponart galerie, Hamburg
Ausstellungsansicht 2018 "Blickwechsel", xponart galerie, Hamburg
Ausstellungsansicht 2018 "Blickwechsel", xponart galerie, Hamburg
Ausstellungsansicht 2018 "Blickwechsel", xponart galerie, Hamburg
Ausstellungsansicht 2018 "Kunst in der Region 2018", DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst, Hörstel (Foto: Angela von Brill)
Ausstellungsansicht 2018 "Kunst in der Region 2018", DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst, Hörstel (Foto: Angela von Brill)
Ausstellungsansicht, 2017, "Nirgends doch anders", zusammen mit Thomas Bartels, BBK Osnabrück
Ausstellungsansicht, 2017, "Nirgends doch anders", zusammen mit Thomas Bartels, BBK Osnabrück
Ausstellungsansicht, 2017, metamatic : taf Galerie, Athen, Greece
Ausstellungsansicht, 2017, metamatic : taf Galerie, Athen, Greece
Ausstellungsansicht mit Büchertisch, 2016, Aff Galerie, Berlin
Ausstellungsansicht mit Büchertisch, 2016, Aff Galerie, Berlin

Texts | Opening speeches

„MENSCHEN IM KINO“

„Ich habe das Interesse am Kino verloren, als Frauen auf der Leinwand anfingen zu sprechen“. Diese von dem 1958 verstorbenen amerikanischen Theaterkritiker und Schriftsteller George Jay Nathan stammende Ansicht kann ich überhaupt nicht teilen. Ich sehe den Frauen gerne beim Reden zu!

Im vergangenen Jahr habe ich 196 Filme gesehen – alle in richtigen Kinos und nicht auf verfälschendem Fernsehgerät. Während meiner ausdauernden Studentenzeit in den achtziger und neunziger Jahren waren es sogar in meinem Rekordjahr 500 Kinobesuche. Schaffen konnte man das damals nur, weil in Osnabrück die frühesten Kinovorstellungen täglich bereits ab 11.00 Uhr vormittags anfingen und die letzten Spätfilme um 0.30 Uhr anliefen. Und ich meine damit nicht die damals nonstop laufenden „Lebensgeister weckenden Filme“ mit so pornopoetischen Titeln wie „Dampfendes Lustfleisch“ oder „Ohne Bockschein darf kein Bock rein“.

Ich liebe den Ort Kino sowieso meist mehr als die dort gezeigten Filme. Und obwohl ich oft und auch gerne alleine ins Kino gehe, sind es letzlich die Menschen, die das buchtäbliche „Kinoerlebnis“ ausmachen.

Mit Menschen meine ich dabei weniger die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bildwand, als vielmehr die Zuschauer und insbesondere das Personal im Kino. Vor der vernichtenden Digitalisierung der Projektionstechnik gab es in jedem Kino noch einen zumindest halbwegs angelernten Filmvorführer.

Diese tollkühnen Männer (sowie vereinzelt auch Frauen) blickten durch das kleine Projektionsfenster ihrer überhitzen Vorführkabinen ausschließlich auf die Hinterköpfe des Publikums.

In die Gesichter der Zuschauer und Zuschauerinnen blicken nur die Filmbilder von der Bildwand. Diese übernatürliche Perspektive übernimmt die Fotografin Kerstin Hehmann in etlichen der hier präsentierten Bilder ihres Portfolios „Roxy – Ein Leben in Dunkelheit“.

Im fahlen Licht der Dunkelheit schaut Kerstin Hehmann den Zuschauern beim Zuschauen zu. Ihr visuelles Interesse am Kino gilt dessen wahren Protagonisten – den Menschen im Kino, natürlich auch den Frauen!

Leider scheinen Filme das Kino als Aufführungsort immer weniger zu benötigen. Deshalb: Geht ins Kino, solange es noch lebt! Vielen Dank!

 

Reinhard Westendorf,

Eröffnungsrede am 5. Januar 2018 anläßlich der Vernissage von BIOS 4 im Kunstraum hase29

"PEOPLE IN THE CINEMA"

"I lost interest in the cinema when women started talking on the screen." I do not at all share this view of the American theatre critic and writer George Jay Nathan, who died in 1958. I love watching women talk!

Last year I saw 196 films - all in real cinemas and not on a distorting television. During my persevering student days in the eighties and nineties there were even 500 moviegoers in my record year. This was only possible because the earliest cinema screenings in Osnabrück started at 11.00 a.m. every day and the last late films started at 0.30 a.m. And I don't mean the then non-stop "Lebengeisterweckenden films" with such pornopoetic titles as "Dampfendes Lustfleisch" or "Ohne Bockschein darf kein Bock rein".

I love the place cinema anyway mostly more than the films shown there. And although I often and also like to go to the cinema alone, it is the people who make up the booklike "cinema experience".

By people I mean less the actors and actresses on the screen than the spectators and especially the cinema staff. Before the devastating digitalization of projection technology, there was at least halfway trained film projectionists in every cinema.

These daring men (and occasionally women as well) looked through the small projection window of their overheated projection cabins exclusively at the back of the audience's heads.

Only the film images from the screen look into the viewers' faces. This supernatural perspective is adopted by the photographer Kerstin Hehmann in several of the pictures in her portfolio "Roxy - A Life in Darkness" presented here.

In the pale light of darkness Kerstin Hehmann watches the spectators. Her visual interest in cinema is dedicated to its true protagonists - the people in the cinema, and of course also the women!

Unfortunately, films seem to require the cinema less and less as a performance venue.

Therefore: Go to the cinema while it's still alive!

Thank you very much!

Reinhard Westendorf,
Opening speech on January 5, 2018 on the occasion of the vernissage of BIOS 4 at Kunstraum hase29



Guten Abend,


Berufsbedingt bin ich häufig im Kino. Bei meiner Festivalarbeit sehe ich häufig Menschen dabei zu, wie sie gerade einen Film zu Ende schauen. Gewöhnlich braucht das Publikum einige Zeit, bis es wieder zurück ist. Und damit meine ich nicht, zurück zur nächsten Vorstellung. An einem anderen Tag, oder in einer anderen Woche. Nein, ich meine damit zurück in den Saal und heraus aus dem Film, den es sich gerade angeschaut hat.


In den ersten Minuten, in denen das Saallicht wieder angeht und die Geräusche nicht mehr aus den Lautsprechern kommen, sind die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer kaum ansprechbar. Diese Erfahrung mache ich immer wieder. Die meisten wirken auf mich, als wären sie gerade sehr weit weg gewesen. Und das waren sie auch. Da wo sie waren, war auch Kerstin Hehmann mit ihrer Kamera. Eingehüllt in die Dunkelheit des Saals, wartet Kerstin, mit dem Rücken zur Leinwand auf diesen besonderen Moment. Auf den Moment, in dem das Publikum im Film versinkt. Dann, hört man nur noch den Verschluss der Blende.


Als Kerstin Hehmann mir vor, nun einiger Zeit, von ihren Plänen zu dieser Ausstellung erzählte, nannte sie Thomas Bartels im gleichen Atemzug. Und nachdem ich Thomas und seine Arbeit vor ein paar Tagen kennenlernen durfte, habe ich verstanden, warum. Bis vorgestern war mir nicht klar, dass die beiden künstlerischen Formen Film und Skulptur so gut mit einander können. Dank Thomas Bartels Installation „Tanz“ weiß ich es nun besser. Dafür bedanke ich mich.


Bevor Bilder richtig laufen lernten, wurde zunächst die Bewegung eingefangen und aufgedröselt. Thomas Bartels spielt in seiner Installation mit dieser Herkunft. Der Bezug zur Fotografie ist in dieser Arbeit immer gegenwärtig. Von der Anordnung bis zur Wahl des Materials. Sowohl bei "Roxy" als auch bei "Tanz" ist das Licht des Projektors ein zentrales Element. "Roxy" nutz es zur Sichtbarmachung des Kinopublikums.
In "Tanz" scheinen die zu Projektoren transformierten Fotovergrößerer selbst das Publikum zu sein.


Es freut mich sehr, dass diese Ausstellung gerade jetzt, eine Woche vor FilmFestStart, beginnt. Liebe Kerstin, lieber Thomas ich werde sie jeder Festivalbesucherin und jedem Festivalbesucher wärmstens empfehlen. Beim Team des BBK Osnabrück möchte ich mich dafür bedanken, dass sie in der kommenden Woche, ihre gewohnten Öffnungszeiten auch im Hinblick auf das FilmFest Publikum ausdehnen.


Ihnen allen wünsche ich heute Abend einen spannenden Austausch über diese zwei Kinogrenzgänger und immer eine gute Projektion bei ihrem nächsten Kinobesuch.

 

Julia Scheck, Unabhängiges FilmFest Osnabrück,
Eröffnungsrede am 13. Oktober 2017 anläßlich der Vernissage im BBK - Kunstquartier in Osnabrück.

Good evening,

I often go to the movies for work. In my festival work I often watch people watching a film finish. Usually it takes the audience some time to get back. And I don't mean back to the next performance. Another day, or another week. No, I mean back into the hall and out of the movie it just watched.

In the first minutes, when the hall light comes on again and the noises no longer come out of the loudspeakers, most viewers are hardly addressable. I experience this again and again. Most of them seem to me like they've just gone a long way. And so they were. Kerstin Hehmann was also where they were with her camera. Wrapped in the darkness of the hall, Kerstin waits with her back to the screen for this special moment. To the moment the audience sinks into the film. Then all you can hear is the shutter.

When Kerstin Hehmann told me about her plans for this exhibition some time ago, she named Thomas Bartels in the same breath. And after getting to know Thomas and his work a few days ago, I understood why. Until the day before yesterday it was not clear to me that the two artistic forms of film and sculpture could work so well together. Thanks to Thomas Bartel's installation "Tanz" I now know better. I thank you for that.

Before images learned to run properly, the movement was first captured and broken down. Thomas Bartels plays with this origin in his installation. The reference to photography is always present in this work. From the arrangement to the choice of material. The light of the projector is a central element in both "Roxy" and "Tanz". "Roxy" uses it to make the movie audience visible.
In "Tanz", the photo magnifiers transformed into projectors seem to be the audience themselves.

I am very pleased that this exhibition is starting right now, one week before FilmFestStart. Dear Kerstin, dear Thomas, I will warmly recommend you to every festival visitor. I would like to thank the BBK Osnabrück team for extending their usual opening hours next week, also with regard to the FilmFest audience.

Tonight I wish them all an exciting exchange about these two border crossers and always a good projection on their next visit to the cinema.

Julia Scheck, Independent FilmFest Osnabrück,
Opening speech on 13 October 2017 on the occasion of the vernissage at BBK - Kunstquartier in Osnabrück.